Rainer Maria Rilke

Du musst das Leben nicht verstehen

Berlin-Wilmersdorf

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

 

zum Erntedankfest

 

Empfänger unbekannt – Retour a l’expediteur

Vielen Dank für die Wolken. Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel. Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn und für allerhand andre verborgne Organe, für die Luft, und natürlich für den Bordeaux. Herzlichen Dank dafür, daß mir das Feuerzeug
nicht ausgeht,
und die Begierde, und das Bedauern, das
inständige Bedauern. Vielen Dank für die vier Jahreszeiten, für die Zahl e und für das Koffein, und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller, gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf, für den Schlaf ganz besonders, und, damit ich es nicht vergesse, für den Anfang und das Ende und die paar Minuten dazwischen inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten
auch.                                                                                        Hans Magnus Enzensberger

 

Gebet der Sioux

Großer Geist, dessen Stimme ich in den Winden vernehme,
und dessen Atem der ganzen Welt Leben spendet – erhöre mich!

Ich trete vor dein Angesicht als eines Deiner vielen Kinder.
Siehe, ich bin klein und schwach,
ich brauche deine Kraft und Weisheit.

Laß´ mich in Schönheit wandeln und
meine Augen immer den purpurroten Sonnenuntergang schauen.

Mögen meine Hände die Dinge achten,
die Du geschaffen hast,
und meine Ohren deine Stimme hören.

Mache mich weise,
damit ich die Dinge erkennen kann,
die Du mein Volk gelehrt hast,
die Lehre, die Du in jedem Blatt und in
jedem Felsen verborgen hast.

Ich sehne mich nach Kraft,
nicht, um meinen Brüdern überlegen zu sein,
sondern um meinen größten Feind – mich selbst –
bekämpfen zu können.

Mache mich stets bereit,
mit reinen Händen und aufrichtigen Augen
zu Dir zu kommen,
damit mein Geist, wenn das Leben wie
die untergehende Sonne entschwindet,
zu Dir gelangen kann.

 

 

zum Spätsommer

 

“Kaufet die Zeit aus!” Epheser 5, 16

 

εξαγοραζομενοι τον καιρον οτι αι ημεραι πονηραι εισιν

 

Andreas Gryphius

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht,
Die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht,
Die etwa möchten kommen;

Der Augenblick ist mein,
Und nehm ich den in acht
So ist der mein,
Der Jahr und Ewigkeit gemacht.

 

 

William Carlos Williams

Die Trauer des Meeres

Dies ist die Trauer des Meeres –
Wellen wie Wörter gebrochen –
ein Einerlei steigender fallender Töne.

Ich lehne, sehe die Einzelheiten des
leicht vergänglichen Wellenkamms, zarten
unvollkommenen Schaum, gelben Tang,
ein Stück wie das andere:

Da ist keine Hoffnung – außer eine Korallen-
insel formte sich langsam
und wartete, es fielen Vögel ein
und Samen und machten sie bewohnbar

 

 

Hans Magnus Enzensberger

Ein Liedchen

Hie und da kommt es vor,
daß einer um Hilfe schreit.
Schon springt ein andrer ins Wasser,
vollkommen kostenlos.

Mitten im dicksten Kapitalismus
kommt die schimmernde Feuerwehr
um die Ecke und löscht, oder im Hut
des Bettlers silbert es plötzlich.

Vormittags wimmelt es auf den Straßen
von Personen, die ohne gezücktes Messer
hin- und herlaufen, seelenruhig,
auf der Suche nach Milch und Radieschen.

Wie im tiefsten Frieden.

 

Hugo von Hofmannsthal
Was ist die Welt?

Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht,
Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht,
Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht,
Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht

Und jedes Menschen wechselndes Gemüt,
Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht,
Ein Vers, der sich an tausend andre flicht,
Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.

Und doch auch eine Welt für sich allein,
Voll süß-geheimer, nievernommner Töne,
Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein.

Und wenn du gar zu lesen drin verstündest,
Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.

 

zur Urlaubszeit

 

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärten Zier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben……..

zur Trinitatiszeit
 

Gott                                                                                               
wohnt in einem Licht,
zu dem die Bahn gebricht.
Wer es nicht selber wird,
der sieht ihn ewig nicht.

Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in dir.
Suchst du Gott anderswo,
du fehlst ihn für und für.

Du reisest vielerlei,
zu sehn und auszuspähn.
Hast du nicht Gott erblickt,
so hast du nichts gesehn.

Man kann den höchsten Gott
mit allen Namen nennen;
man kann ihm wiederum
nicht einen zuerkennen.

Gott ist so überalls,
dass man nichts sprechen kann;
drum betest du ihn auch
mit Schweigen besser an.
Angelus Silesius

 

Glauben

Glauben heißt irren. Nicht glauben nützt nichts.

Ricardo Reis

Lied Vom Kindsein

Als das Kind Kind war,
ging es mit hängenden Armen,
wollte der Bach sei ein Fluß,
der Fluß sei ein Strom,
und diese Pfütze das Meer.

Als das Kind Kind war,
wußte es nicht, daß es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.

Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim fotografieren.

Als das Kind Kind war,
war es die Zeit der folgenden Fragen:
Warum bin ich ich und warum nicht du?
Warum bin ich hier und warum nicht dort?
Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?
Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?
Ist was ich sehe und höre und rieche
nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?
Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,
die wirklich die Bösen sind?
Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,
bevor ich wurde, nicht war,
und daß einmal ich, der ich bin,
nicht mehr der ich bin, sein werde?

Als das Kind Kind war,
würgte es am Spinat, an den Erbsen, am Milchreis,
und am gedünsteten Blumenkohl.
und ißt jetzt das alles und nicht nur zur Not.

Als das Kind Kind war,
erwachte es einmal in einem fremden Bett
und jetzt immer wieder,
erschienen ihm viele Menschen schön
und jetzt nur noch im Glücksfall,
stellte es sich klar ein Paradies vor
und kann es jetzt höchstens ahnen,
konnte es sich Nichts nicht denken
und schaudert heute davor.

Als das Kind Kind war,
spielte es mit Begeisterung
und jetzt, so ganz bei der Sache wie damals, nur noch,
wenn diese Sache seine Arbeit ist.

Als das Kind Kind war,
genügten ihm als Nahrung Apfel, Brot,
und so ist es immer noch.

Als das Kind Kind war,
fielen ihm die Beeren wie nur Beeren in die Hand
und jetzt immer noch,
machten ihm die frischen Walnüsse eine rauhe Zunge
und jetzt immer noch,
hatte es auf jedem Berg
die Sehnsucht nach dem immer höheren Berg,
und in jeden Stadt
die Sehnsucht nach der noch größeren Stadt,
und das ist immer noch so,
griff im Wipfel eines Baums nach dem Kirschen in einem Hochgefühl
wie auch heute noch,
eine Scheu vor jedem Fremden
und hat sie immer noch,
wartete es auf den ersten Schnee,
und wartet so immer noch.

Als das Kind Kind war,
warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum,
und sie zittert da heute noch.

Peter Handke

 

zu Pfingsten

 

die frage ist
 wo ist oben
was ist oben
wer ist oben

denn je nachdem
was bei uns oben ist
kann man sich ausrechnen
was auf uns herunterkommt

 welcher geist
|ist das geld oben
kommt der geist des geldes
auf uns herab

ist die Wirtschaft oberstes prinzip
kommt dieser geist
auch auf uns herab
und über uns

ist jesus für uns oben
dann kommt auch der geist jesu
 auf uns herab.

w. wilms, der geerdete himmel                                                                                                                                                                                               

 

Pfingstlied

Die Wunder von damals müssen es nicht sein,
auch nicht die Frommen von gestern
nur lass uns zusammen Gemeinde sein,
eins – so wie Brüder und Schwestern.
Ja, gib uns deinen Geist, deinen guten Geist,
mach uns zu Brüdern und Schwestern.

Auch Zungen von Feuer müssen es nicht sein,
Sprachen, die jauchzend entstehen,
nur gib uns ein Wort, darin Wahrheit ist,
dass wir, was recht ist, verstehen.
Ja, gib uns den Geist, deiner Wahrheit Geist,
dass wir einander verstehen.

Ein Brausen vom Himmel muss es nicht sein,
Sturm über Völkern und Ländern,
nur gib uns den Atem, ein kleines Stück
unserer Welt zu verändern.
Ja, gib uns den Geist, deinen Lebensgeist,
uns und die Erde zu ändern.

Der Rausch der Verzückung muss es nicht sein,
Jubel und Gestikulieren,
nur gib uns ein wenig Begeisterung,
dass wir den Mut nicht verlieren.
Ja, gib uns den Geist, deinen Heiligen Geist,
dass wir den Mut nicht verlieren.

                                                                                                                                                                                            

 

zum Osterfest

     

Karsamstagslegende
Den Verwaisten gewidmet

Seine Dornenkrone
Nahmen sie ab
Legten ihn ohne
Die Würde ins Grab.

Als sie gehetzt und müde
Anderen Abends wieder zum Grab kamen
Siehe, da blühte
Aus dem Hügel jenes Dornes Samen.

Und in den Blüten, abendgrau verhüllt
Sang wunderleise
Eine Drossel süß und
mild Eine helle Weise.

Da fühlten sie kaum
Mehr den Tod am Ort
Sahen über Zeit und Raum
Lächelten im hellen Traum
Gingen träumend fort.

Bertolt Brecht

                                                                                                                            

 

Glauben Sie fragte man mich
An ein Leben nach dem Tode

Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich
Keine Auskunft zu geben
Wie das aussehen sollte
Wie ich selber
Aussehen sollte
Dort

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie
Von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz
Verdammter Seelen
Nur

Nur Liebe frei geworden
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold
Mit Edelsteinen besetzt

Ein spinnwebenleichtes Gewand
Ein Hauch
Mir um die Schultern
….
Und deine Hand
Wieder in meiner

So lagen wir Lasest du vor
Schlief ich ein
Wachte auf
Schlief ein Wache auf
Deine Stimme empfängt mich
Entlässt mich und immer
So fort

Mehr also, fragen die
Frager
Erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antworte weniger nicht.
 (Marie Luise Kaschnitz)

                                                                                                                                   

 

zur Fastenzeit

 

Der Mensch ist nicht zum Vergnügen, sondern zur Freude geboren

Paul Claudel

 

 

Der Ölbaumgarten

Er ging hinauf unter dem grauen Laub
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Nach allem dies. Und dieses war der Schluß..
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst Du, daß ich sagen muß
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
den ich durch Dich zu lindern unternahm,
der Du nicht bist. O namenlose Scham…

Später erzählte man: ein Engel kam -.

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
so gehen hunderte vorbei.
Da schlafen Hunde und da liegen Steine.
Ach eine traurige, ach irgendeine,
die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
und Nächte werden nicht um solche groß.
Die Sich-Verlierenden läßt alles los,
und sie sind preisgegeben von den Vätern
und ausgeschlossen aus der Mütter Schooß..

Rainer Maria Rilke
Aus: Neue Gedichte (1907)

 

Minimalprogramm

Verzicht, Entsagung, Askese –

das wäre schon zu hoch gegriffen.

 

Überwältigend, was alles entbehrlich ist.

Von Sonderangeboten keine Notiz zu nehmen,

 

reiner Genuß! Nirgends aufzutauchen,

das Meiste zu unterlassen —

 

Erkenntnisgewinn durch Abwinken.

Nur wer vieles übersieht,

 

kann manches sehen.

Das Ich: eine Hohlform,

 

definiert durch das, was es wegläßt.

Was man festhalten kann,

 

was einen festhält,

das ist das Wenigste.

Hans Magnus Enzensberger

                                                                                                                          

 

Schlichtheit
 

Es öffnet sich das Gitter des Gartens
mit der Folgsamkeit einer Seite,
die von einer häufigen Neigung befragt wird,
und innen brauchen die Blicke
sich nicht auf die Gegenstände zu heften,
die längst völlig im Gedächtnis haften.
Ich kenne die Gebräuche und Gemüter
und diesen Dialekt aus Anspielungen,
den jede Menschengruppe hervorbringt.
Ich muß nicht sprechen
noch Vorzüge heucheln;
die hier um mich sind kennen mich gut,
gut kennen sie meine Ängste und meinen Kleinmut.


Das ist, das Höchste erreichen,
das uns der Himmel vielleicht geben mag:
keine Bewunderungen noch Siege,
sondern ganz einfach angenommen zu sein,
als Teil einer nicht zu leugnenden Wirklichkeit,
wie die Steine und die Bäume.

 Jorge Luis Borges
                                                                                                                                       

zu den Vorfastensonntagen

 

Reich wird man nicht durch das,

was man besitzt,

sondern mehr noch durch das,

was man mit Würde zu entbehren weiß. Und es könnte sein,

dass die Menschheit reicher wird,

indem sie ärmer wird,

und gewinnt,

indem sie verliert.

Immanuel Kant

                                                                                                                                        

 

Gegen Streß, Kummer, Eifersucht, Depression empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken.
Mit ihren rotgoldenen Abendrändern
übertreffen sie Patinir undTiepolo.
Die flüchtigsten aller Meisterwerke,
schwerer zu zählen als jede Rentierherde,
enden in keinem Museum.

Wolkenarchäologie — eine Wissenschaft
für die Engel. Ja, ohne die Wolken
stürbe alles, was lebt. Erfinder sind sie:
Kein Feuer ohne sie, kein elektrisches Licht.
Ja, es empfiehlt sich, bei Müdigkeit,
Wut und Verzweiflung, die Augen
gen Himmel zu wenden.

Hans Magnus Enzensberger

 

 

 

zum Jahresende

 

Geh Deinen Weg ruhig

Geh deinen Weg ruhig – mitten in Lärm und Hast,
und wisse,

welchen Frieden die Stille schenken mag.

Steh mit allen auf gutem Fuße, wenn es geht,
aber gib dich selber nicht auf dabei.

Sage deine Wahrheit immer ruhig und klar
und höre die anderen auch an, selbst die Unwissenden, Dummen –

sie haben auch ihre Geschichte.
Laute und zänkische Menschen meide.
Sie sind eine Plage für dein Gemüt.

Wenn du dich selbst mit anderen vergleichen willst, wisse,
dass Eitelkeit und Bitterkeit dich erwarten. Denn es wird immer größere und geringere Menschen geben als dich.

Freue dich an deinen Erfolgen und Plänen.
Strebe wohl danach weiterzukommen, doch bleibe bescheiden. Das ist ein guter Besitz im wechselnden Glück des Lebens.

Übe dich in Vorsicht bei deinen Geschäften. Die Welt ist voll Tricks und Betrug.
Aber werde nicht blind für das, was dir an Tugend begegnet.

Sei du selber – vor allem: heuchle keine Zuneigung, wo du sie nicht spürst.
Doch denke nicht verächtlich von der Liebe, wo sie sich wieder regt.

 

 Sie erfährt soviel Entzauberung, erträgt soviel Dürre und wächst doch voller Ausdauer,

immer neu, wie Gras.

Nimm den Ratschluß deiner Jahre mit Freundlichkeit an.

Und gib deine Jugend mit Anmut zurück, wenn sie endet.

Pflege die Kräfte deines Gemütes, damit es dich schützen kann, wenn Unglück dich trifft,

aber überfordere dich nicht durch Wunschträume.
Viele Ängste entstehen durch Enttäuschung und Verlorenheit.
 

Erwarte eine heilsame Selbstbeherrschung von dir.
Im übrigen aber sei freundlich und sanft zu dir selbst.
Du bist ein Kind der Schöpfung, nicht weniger als die Blume und die Sterne es sind.
Du hast ein Recht darauf, hier zu sein.
 

Und ob du es merkst oder nicht – ohne Zweifel entfaltet sich die Schöpfung so, wie sie es soll.
Lebe in Frieden mit Gott, wie du ihn jetzt für dich begreifst.
 

Und was auch immer deine Mühen und Träume sind in der lärmenden Verwirrung des Lebens – halte Frieden mit deiner eigenen Seele.
Mit all ihrem Trug, ihrer Plackerei und ihren zerronnenen Träumen –

die Welt ist immer noch schön !
 

Lebensregel aus der Old Saint Paul`s Church (1692) von Baltimore

                                                                                                                                                                                        

Stufen

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch
und jede Tugend zu ihrer Zeit
und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
nur wer bereit zum Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Herrmann Hesse

 
Ich sagte zu dem Engel,
der an der Pforte des neuen Jahres stand:
Gib mir ein Licht,
damit ich sicheren Fußes der Ungewißheit entgegengehen kann!
Aber er antwortete:
Gehe nur hin in die Dunkelheit
und lege deine Hand in die Hand Gottes!

Das ist besser als ein Licht
und sicherer als ein bekannter Weg!
aus China

 

 

zum Advent

 

Augenschein

Zur Nacht hat ein Sturm alle Bäume entlaubt

sieh sie an, die knöchernen Besen.

Ein Narr, wer bei diesem Anblick glaubt

es wäre je Sommer gewesen.

 

Und ein größerer Narr, wer träumt und sinnt

es könnte je wieder Sommer werden.

Und grad diese gläubige Narrheit, Kind,

ist die sicherste Wahrheit auf Erden.

Ernst Ginsberg

                                                                                                                                                                                            

 

Der Stern

Hätt einer auch fast mehr Verstand
als wie die drei Weisen aus Morgenland
und ließe sich dünken, er wär wohl nie
dem Sternlein nachgereist wie sie;
dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt,
fällt auch auf sein verständig Gesicht,
er mag es merken oder nicht,
ein freundlicher Strahl
Des Wundersternes von dazumal.

Wilhelm Busch

 

Adventrede

Und die Bewegtheit des Herrn ist ohne Groll
  und von großer Dauer.
Und seine Gerechtigkeit hört nicht auf,
  und seine Güte bleibt ewig.
Und darum entfernen wir gern die Bitterkeit,
  wie ein enges Gewand.
Und die Trauer legen wir ab,
  wie einen Mantel im Frühling.


Und mit viel Sorgfalt nehmen wir
 die Einsamkeit von unserer Stirn.
Und wir weisen unsere Aufmerksamkeit hin
  zu den einfachen Dingen.
Und wir verlassen uns auf das Dach,
  das keinen Regen durchlässt.
Und wir vertrauen dem Stuhl, der fest steht,
  und uns trägt.

Und es kommen wieder zu uns die täglichen Wiesen
  und Sonntage.
Und die Salamander mit den seidenen Strümpfen
  und goldenen Hemden.
Und auch die Lämmer und die Zicklein…
  meine gnädigen Freunde.

Und die Lieder der Hirten…
  und die Gebete der erwachenden Frauen.
Und es brechen die Tore auf…
  und es treten hervor die Erkennbaren.
Und sie stehen makellos da…
  und sie breiten ihre Flügel aus.

Jesse Thoor

 

 Geburt Christi

Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte
dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?
Sieh, der Gott, der über Völkern grollte,
macht sich mild und kommt in dir zur Welt.

Hast du dir ihn größer vorgestellt?……
aus: Rainer Maria Rilke, Das Marienleben, Duino, Januar 1912

 

                                                                                                                                      zum Kirchenjahresende



 Memento!

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben…
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr
– und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andren muss man leben!

Mascha Kaléko

Weil Deine Augen so voll Trauer sind

Weil Deine Augen so voll Trauer sind,
und Deine Stirn so schwer ist von Gedanken,
lass mich Dich trösten, so wie man ein Kind
in Schlaf einsingt, wenn letzte Sterne sanken.

Die Sonne ruf ich an, das Meer, den Wind,
Dir ihren hellsten Sonnentag zu schenken,
den schönsten Traum auf Dich herabzusenken,
weil Deine Nächte so voll Wolken sind.

Und wenn Dein Mund ein neues Lied beginnt,
dann will ich Meer und Wind und Sonne danken,
weil Deine Augen so voll Trauer sind,
und Deine Stirn so schwer ist von Gedanken.

Mascha Kaléko

 

Die Menschen schauen immer von Gott fort. Sie suchen ihn im Licht, das immer kälter und schärfer wird, oben….Und Gott wartet anderswo – wartet – ganz am Grund von Allem. Tief. Wo die Wurzeln sind. Wo es warm ist und dunkel -….Angst – haben -? Wozu? Man ist ja immer über ihm. Wie eine Frucht, unter welche jemand eine schöne Schale hält. Golden – leuchtend im Laube. Und wenn die Frucht reif ist, lässt sie sich los – «          

Rainer Maria Rilke

 

Ich kann mir vorstellen, wie es hier ist,
wenn ich nicht mehr hier bin,
doch ich kann mir nicht vorstellen,
wie es dort ist, wo ich sein werde,
wenn ich nicht mehr bin,
obwohl ich von dort kam
und hier nur durchreise.            Erwin Strittmatter

 

Wenn ich in Gott vergeh’, so komm ich wieder hin, wo ich von Ewigkeit vor mir gewesen bin.” Angelus Silesius

 

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte…

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im nächsten Leben würde ich versuchen,
mehr Fehler zu machen.

Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter als ich gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten, mehr Bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.

Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude.

Aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls Du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben.
Nur aus Augenblicken.
Vergiss nicht den jetzigen.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätsommer barfuss gehen.
Und ich würde mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.

Aber sehen Sie …
ich bin 85 Jahre alt und weiß,
dass ich bald sterben werde …

Jorge Luis Borges (1899 -1987)

 

                                                          

Was du verlorst

Was du verlohrst, hat er gefunden;
Du triffst bey ihm, was du geliebt:
Und ewig bleibt mit dir verbunden,
Was seine Hand dir wiedergiebt.

Novalis